Assistierte Telemedizin in der Apotheke: von der Option zur Realität
Ab dem 1. Juli 2026 ist es keine Zukunftsmusik mehr. Assistierte Telemedizin, kurz aTM, wird zur Leistung, die Apotheken bundesweit anbieten dürfen. Patienten erhalten professionelle Unterstützung bei Videosprechstunden mit Ärzten, und mit 30 Euro je Einsatz entsteht für die Apotheke eine neue, eigenständige Einnahmequelle. Die Frage ist damit nicht mehr, ob Apotheken aTM anbieten sollten, sondern wie sie es richtig umsetzen.
Auf einen Blick
- Ab 1. Juli 2026 dürfen Apotheken assistierte Telemedizin anbieten. Grundlage ist das Digital-Gesetz, die Vergütung hat die Schiedsstelle festgelegt.
- 30 Euro je Einsatz, gestaffelt bis 2029. Das ist eine völlig neue Serviceebene, nicht nur eine Honorarverbesserung.
- Die Apotheke wird zur Beratungsstation: Ihr Team unterstützt den Patienten während der Videosprechstunde mit dem Arzt, misst Vitaldaten, bereitet Unterlagen vor.
- Der Erfolg entscheidet sich nicht an der Technik, sondern an der Ärzte-Verfügbarkeit in Ihrer Region. Das ist die wichtigste Frage vor jeder Investition.
- Klug einsteigen heißt: erst testen, dann skalieren. Wer klar denkt statt schnell zugreift, positioniert sich langfristig richtig.
Möglich macht das Ganze das Digital-Gesetz, das den Rahmen für die assistierte Telemedizin geschaffen hat. Die Vergütung von 30 Euro je Einsatz hat die Schiedsstelle festgelegt, und sie ist bis 2029 gestaffelt. Damit öffnet sich für Apotheken ein echtes neues Geschäftsfeld. Nicht bloß ein höheres Honorar, sondern eine neue Rolle in der Versorgung.
Was assistierte Telemedizin bedeutet, und wer davon profitiert
Assistierte Telemedizin ist das Bindeglied zwischen Arztpraxis und Patient. Ein Apotheker oder geschultes Personal unterstützt den Patienten während der Videosprechstunde mit dem Arzt, misst Vitaldaten, bereitet Unterlagen vor und dokumentiert Befunde. Der Arzt führt die eigentliche Konsultation, die Apotheke wird zur Beratungsstation mit professioneller Ausstattung.
Konkret erlaubt die Regelung drei Varianten: eine strukturierte Ersteinschätzung des Patienten, die Begleitung einer Videosprechstunde mit einem Arzt, oder eine Kombination aus beidem. Die 30 Euro gelten für alle drei Formen und decken sowohl den Arbeitsaufwand als auch einen Technikanteil ab.
Ein Punkt, der die Branche noch beschäftigen dürfte: Aktuell werden alle drei Varianten gleich vergütet. Dabei ist die assistierte Telemedizin unter Einsatz medizinischer Geräte deutlich aufwändiger und kostenintensiver als eine reine Ersteinschätzung, weil sie mehr Zeit, mehr Technik und oft die aktive Mithilfe des Apothekenteams erfordert. Für die Zukunft wären differenzierte Vergütungsmodelle sinnvoll, die diesem Mehraufwand gerecht werden.
Das öffnet mehreren Gruppen die Tür. Patienten mit eingeschränkter Mobilität erhalten wohnortnah ärztliche Beratung. Chronisch Kranke koordinieren ihre Termine effizienter. Und ganz praktisch profitieren Menschen, die zwischen Beruf und Hausarzttermin schlicht keine Zeit finden. Aus Sicht der Apotheke heißt das konkret: neue Patienten, mehr Kundenkontakt und eine zusätzliche Einnahmequelle. Wichtig ist dabei die richtige Einordnung. Die 30 Euro sind kein leicht verdientes Zusatzgeld, sondern die Vergütung für einen echten Arbeitseinsatz. Der Patient ist in der Regel rund 15 Minuten in der Apotheke gebunden, und Ihr Team begleitet die Videosprechstunde aktiv.
Die wirtschaftliche Realität: Invest gegen Ertrag abwägen
Die 30 Euro sind attraktiv, aber sie kommen nicht ohne Vorleistung. Wer nur mit einem Tablet starten möchte, investiert im unteren vierstelligen Bereich. Eine komplette Ausstattung mit medizinischen Messgeräten, also Blutdruckmessgerät, EKG-Gerät, eventuell Dermatoskop, verzehnfacht das schnell. Hinzu kommen Schulung des Personals, Integration in bestehende Abläufe und womöglich eine Raumumgestaltung.
Mit der Erstinvestition ist es aber nicht getan, und die laufenden Kosten werden gern übersehen. Je nach Anbieter fallen monatliche Gebühren an. Dazu kommen leistungsbezogene Kosten, die pro durchgeführter Sprechstunde fällig werden. Aktuell kristallisieren sich hier Beträge von etwa 4 bis 8 Euro je Einsatz heraus. Von den 30 Euro bleiben also nicht 30 Euro: Nach Abzug der Transaktionskosten sind es realistisch 22 bis 26 Euro, und davon müssen die monatlichen Fixkosten und die Abschreibung der Technik noch getragen werden. Das ist weiterhin attraktiv, aber rechnen Sie mit den echten Zahlen, nicht mit dem Bruttohonorar.
Zunächst gilt das volle Honorar, danach sinkt es stufenweise. So sieht die Staffelung aus:
| Zeitraum | Vergütung je Einsatz |
|---|---|
| 01.07.2026 bis 30.06.2027 | 30,00 € |
| 01.07.2027 bis 30.06.2028 | 25,50 € |
| 01.07.2028 bis 30.06.2029 | 23,00 € |
| ab 01.07.2029 | 21,50 € |
Die kritische Kennzahl ist die tatsächliche Auslastung. Machen wir es konkret und vergleichen Kabine und Tablet. Die monatlichen Kosten lassen wir dabei bewusst außen vor, weil sie sich derzeit kaum seriös schätzen lassen. Wichtig ist nur: Sie kommen obendrauf. Gerechnet wird vorsichtig mit 22 Euro netto je Einsatz, damit ist auch die erste Honorar-Absenkung zum 1. Juli 2027 schon eingepreist.
Rechenbeispiel: Reinvest in einem Jahr
- Kabine, rund 10.000 Euro: 10.000 geteilt durch 22 Euro ergibt rund 455 Sprechstunden im Jahr. Bei etwa 300 Arbeitstagen sind das rund 1,5 Sprechstunden pro Tag.
- Tablet, rund 1.500 Euro: 1.500 geteilt durch 22 Euro ergibt rund 68 Sprechstunden im Jahr. Bei 54 Wochen sind das rund 1,3 Sprechstunden pro Woche.
Der Unterschied ist gewaltig: Für die Kabine brauchen Sie im Schnitt jeden Tag rund anderthalb Sprechstunden, für das Tablet genügt gut eine pro Woche. Beide Rechnungen sind bewusst grob, denn die laufenden Kosten fehlen, ebenso ein möglicher Mehrertrag, etwa wenn im Anschluss ein E-Rezept in Ihrer Apotheke eingelöst wird. Die Größenordnung stimmt aber.
Eine große Lösung rechnet sich realistisch also nur mit mehreren Terminen pro Tag. Das gilt umso mehr, als das Honorar bis 2029 auf 21,50 Euro sinkt. Wer groß investiert, braucht planbar hohe Frequenz, sonst wird aus der Chance eine Kostenfalle. Ob diese Frequenz zustande kommt, ist am Ende weniger eine Frage der aTM selbst als der lokalen Ärzteverfügbarkeit, dazu gleich mehr.
Technologie: vom Tablet bis zur ausgestatteten Kabine
Der Markt bietet unterschiedliche Reifegrade. Die apothekengenossenschaftliche IT-Gesellschaft GEDISA arbeitet mit Arztkonsultation zusammen und bündelt ärztliche Netzwerke mit Apothekeninfrastruktur. Doctorbox bietet Lösungen von der Tablet-Version bis zur voll ausgestatteten Videosprechstunden-Kabine, aus Corona-Zeiten bekannt und inzwischen ausgebaut auf Blutanalysen, DNA-Tests und aTM. MedKitDoc setzt auf ein leichteres Modell mit Tablet und medizinischer Grundausstattung, und mit medivise gibt es einen weiteren Anbieter in diesem Feld.
Die Wahl hängt vor allem von den räumlichen Möglichkeiten ab. Ein abgeschiedener, diskreter Raum ist bei aTM ohnehin sinnvoll, weil sensible Gesundheitsthemen besprochen werden. Wer bereits einen Beratungsraum hat, kann problemlos mit einem Tablet starten: die Erstaufnahme mobil an jedem Ort der Apotheke, dann die Übergabe in den Beratungsraum. Das ist flexibel und oft ein Vorteil gegenüber einer fest eingebauten Lösung. Wer diese räumlichen Möglichkeiten nicht hat, wird eher über eine Kabine nachdenken, die allerdings mit deutlich höheren Investitionskosten verbunden ist. Entscheidend ist die Passung zu den Gegebenheiten vor Ort, nicht die Größe der Apotheke.
Der entscheidende Erfolgsfaktor: die Ärzte-Verfügbarkeit
Hier wird es ehrlich. Die beste Technologie nützt nichts, wenn auf der anderen Seite der Videoleitung kein Arzt verfügbar ist. Das ist keine technische, sondern eine Marktfrage. Alle genannten Anbieter haben Netzwerke angeschlossener Telemediziner, und diese Netzwerke arbeiten bundesweit. Wer sich an ein Netzwerk mit ausreichender Kapazität anschließt, hat die Verfügbarkeit in der Regel gut geregelt, unabhängig vom eigenen Standort. Ob die Kapazitäten am Ende wirklich reichen, wird sich allerdings erst in der Praxis zeigen.
Entscheidend für die Apotheke ist deshalb vor allen Dingen, ob kurzfristige Termine möglich sind. Ein Patient, der nur kurz auf die Videosprechstunde wartet, wird diesen Service gerne erneut in Anspruch nehmen und positiv davon berichten. Einer mit langer Wartezeit wird den Service wahrscheinlich eher gar nicht erst annehmen. Ob unsere Kunden tatsächlich von zuhause Termine für die aTM buchen oder zu bestimmten Zeiten erneut in der Apotheke erscheinen, wird sich zeigen. Hier bin ich persönlich eher skeptisch.
Ein Unterschied zwischen den Anbietern kann außerdem sein, ob sich auch lokale Ärzte in die aTM-Versorgung einbinden lassen. Es wird Situationen geben, in denen genau das sinnvoll ist, um die guten Kontakte zur Ärzteschaft vor Ort weiter zu pflegen. Klären Sie vor der Investition also zwei Dinge: wie ein Anbieter kurzfristige Termine sicherstellt und ob sich lokale Ärzte einbinden lassen.
Datenschutz und Dokumentation nicht unterschätzen
Bei assistierter Telemedizin fließen sensible Gesundheitsdaten: Vitalwerte, Befunde, teils die gesamte Anamnese. Die eigentliche Behandlungsdokumentation, also Befunde und Diagnose, läuft dabei in der telemedizinischen Lösung des gewählten Anbieters und liegt in der Verantwortung des Arztes. Ihre Aufgabe als Apotheke ist die Assistenz, der sorgsame Umgang mit den Daten vor Ort und die Dokumentation Ihrer eigenen Leistung, etwa als Nachweis für die Abrechnung.
Achten Sie deshalb bei der Auswahl darauf, dass die Lösung des Anbieters die Daten DSGVO-konform verarbeitet, idealerweise auf Servern in Deutschland oder der EU. Klären Sie außerdem, wie die datenschutzrechtlichen Rollen geregelt sind, das gehört in den Vertrag mit dem Anbieter. Wer das von Anfang an sauber aufsetzt, erspart sich später Ärger und stärkt zugleich das Vertrauen der Patienten.
Praktischer Start: erst testen, dann skalieren
Wer jetzt einsteigt, hat einen handfesten First-Mover-Vorteil, sollte aber strukturiert vorgehen. Starten Sie mit einem realistischen Angebot für die eigenen Kunden, denn nicht alle können oder wollen aTM nutzen. Schulen Sie das Team so weit wie nötig, und beobachten Sie die erste Woche genau. Nach vier Wochen wird klar sein, ob der lokale Markt aTM annimmt. Dann können Sie skalieren.
Genau in dieser Phase stecken gerade viele Apotheken: Die Regelung kommt, die Anbieter klopfen an, die Entscheidung drängt. Wer hier klar denkt, statt schnell zuzugreifen, positioniert sich langfristig richtig. Die digitale Apotheke ist keine Zukunftsvision mehr. Sie startet jetzt.
Mein Fazit, Stand 1. Juli 2026
Apotheken sollten sich diesen neuen Chancen öffnen und überlegen, ihren Kunden ein entsprechendes Angebot zu machen. Der Aufwand scheint sich durch die Vergütung auffangen zu lassen. Zusammen mit den Effekten auf Kundenbindung und Kundengewinnung, und mit der Möglichkeit, E-Rezepte gegebenenfalls direkt über diesen Weg einzulösen, kann aTM am Ende auch wirtschaftlich interessant werden.
Eine Tablet-Lösung erscheint mir gerade zum Start sehr niederschwellig und im Investitionsaufwand gut planbar. Wichtig ist mir die ehrliche Einordnung: Das ist mein Blick zum Start, am 1. Juli. Ich bin gespannt, wie mein Fazit in einigen Wochen mit echter Praxiserfahrung aussieht und ob ich es korrigieren muss. Genau das werde ich hier offen teilen.
Save the Date: Webinarwoche assistierte Telemedizin
Vom 3. bis 7. August 2026 veranstalte ich einen Themenschwerpunkt mit mehreren Webinaren gemeinsam mit den Anbietern, für einen möglichst neutralen Überblick über die Lösungen. Merken Sie sich den Termin gern schon vor, die Anmeldung folgt in Kürze.
Auf dem Laufenden bleiben