KI in der Apotheke: Wer heute arbeitet, baut Werkzeuge statt Prompts zu schreiben
In einer Vorlesung an der Wirtschaftsakademie Deutscher Apotheker habe ich live ein digitales KPI-Cockpit für eine Apotheke bauen lassen. In 30 Minuten. Mit Claude Code. Was das für unsere Branche bedeutet, ist größer als die Anekdote.
Vor ein paar Wochen war ich Dozent in einer Online-Vorlesung der Wirtschaftsakademie Deutscher Apotheker. Sieben Stunden, Fach Digitalisierung im Gesundheitswesen. Mein Auftrag: Zeigen, was KI heute in der Apothekenpraxis kann. Nicht in zwei Jahren. Heute.
Für eine der Demos hatte ich zwei Tage vorher einen Prompt vorbereitet, mit dem Claude Code ein digitales KPI-Cockpit für eine Apotheke baut. In der Live-Session habe ich diesen Prompt eingefügt und das System loslaufen lassen. Während Claude arbeitete, habe ich der Gruppe erklärt, wie ich zu diesem Prompt gekommen bin und wie ich die Werte für das Dashboard in einer Tabelle hinterlege.
Nach rund 30 Minuten haben wir das fertige Dashboard über das Terminal lokal gestartet und uns gemeinsam angesehen. Auf dem Bildschirm: Kennzahlen aus dem Online-Shop, Daten zur CardLink-Nutzung über die App, Aufrufzahlen aus der Google Search Console und Sichtbarkeitswerte aus dem Google Unternehmensprofil. Monatsvergleich, Ampel-Logik, Vormonatswerte. Alles drin.
Und ich bin kein Entwickler.
Was sich gerade verändert
Wir reden in unserer Branche viel über KI als Antwortmaschine. Ich frage ChatGPT etwas, ich bekomme eine Antwort, ich kopiere sie in ein Word-Dokument. So sieht der Einsatz in den meisten Apotheken aus, in denen KI überhaupt eine Rolle spielt.
Diese Phase geht zu Ende. Was gerade entsteht, ist eine andere Kategorie von Werkzeugen: KI-Systeme, die nicht nur antworten, sondern handeln. Die Dateien lesen, Code schreiben, Tabellen aufbauen, Dashboards generieren und am Ende ein fertiges, lauffähiges Werkzeug auf Ihrem Rechner hinterlassen. Tools wie Claude Code oder Codex von OpenAI sind die Vorreiter dieser Bewegung.
Das ist eine andere Art zu arbeiten. Ich beschreibe in normaler Sprache, was ich brauche. Das System baut es. Ich prüfe, korrigiere, lasse weiterbauen.
Was das für Apotheken bedeutet
Stellen Sie sich vor, Sie wollen wissen, wie es Ihrer Apotheke wirklich geht. Nicht die Umsatzzahl im Großhandels-Dashboard. Sondern die Frage: Wie gesund ist meine digitale Apotheke gerade?
Heute heißt das in den meisten Fällen: Eine Mitarbeiterin loggt sich nacheinander in fünf verschiedene Systeme ein, exportiert CSV-Dateien, überführt Daten in eine Excel-Tabelle, schickt das Ergebnis per E-Mail. Im Monatsrhythmus. Wenn überhaupt. Und am Ende steht eine eher unübersichtliche Tabelle, mit erklärungsbedürftigen Zahlen.
Genau dieses Problem habe ich in der Vorlesung adressiert. Ich habe ein Dashboard bauen lassen, das alle relevanten Kennzahlen einer modernen Apotheke auf einer Seite zusammenführt.
Was Sie sehen, ist ein realistisches Szenario. Eine Apotheke mit Online-Shop, App, Google-Sichtbarkeit. Die Frage „Wie gesund ist unsere digitale Apotheke diesen Monat?" wird mit einer einzigen Ampel beantwortet. Darunter: 15 Kennzahlen mit Vormonatsvergleich. Trends auf einen Blick. Leicht verständlich dargestellt.
So könnte der Workflow in der Praxis aussehen
Einmal aufgesetzt: Eine Mitarbeiterin pflegt zum Monatswechsel die Datenquellen ein. Das Dashboard rechnet selbst und färbt Werte rot, gelb oder grün.
Zur Teamsitzung: Die leitenden Apothekerinnen öffnen den Link. Eine Ansicht, eine Stunde Diskussion, klare Entscheidungen. Statt einer Excel-Tabelle, die niemand mehr versteht.
Sehen Sie den Unterschied? Es geht nicht darum, dass KI eine Antwort liefert. Es geht darum, dass KI ein Werkzeug baut, das danach jeden Tag funktioniert. Ohne dass die KI noch dabei ist.
Warum gerade jetzt der Hebel groß ist
In unserem Berufsstand gibt es eine Besonderheit, die diesen Wandel besonders relevant macht. Apotheken haben viele Daten. Aber sie liegen in Silos. Warenwirtschaft, Online-Shop, App, Google, Bewertungen, Personaleinsatz, Lieferengpässe. Jedes System hat sein eigenes Login, sein eigenes Format, seine eigene Logik.
Wer diese Daten zusammenführen wollte, brauchte bisher entweder einen externen Dienstleister, einen IT-Mitarbeiter oder ein erhebliches Budget. Für eine inhabergeführte Apotheke war das selten realistisch.
Genau hier liegt der Hebel. Die wirtschaftliche Lage vieler Apotheken ist angespannt. Budgets für eigene Software-Entwicklung gibt es kaum. Aber die Schwelle, sich selbst Werkzeuge zu bauen, ist gerade fundamental gesunken. Das verändert die Möglichkeitsräume.
1. Eigene Auswertungen ohne Excel-Akrobatik
Sie wollen wissen, wie sich Ihre Beratungsleistungen pro Quartal entwickeln, gefiltert nach Wochentag und Filiale? Früher ein Projekt. Heute eine Beschreibung in Klartext, ein paar Iterationen, fertig.
2. QMS-Routinen, die mitdenken
Hygienepläne, Reinigungsprotokolle, Temperaturlisten. Statt PDF-Formularen, die ausgedruckt und abgeheftet werden, lassen sich kleine Tools bauen, die die Daten direkt erfassen, validieren und für die ApBetrO-Dokumentation aufbereiten.
3. Team-Tools für den Alltag
Eine kleine Webseite für Ihr Team, auf der die wichtigsten Vertretungsregeln, Notfallkontakte und Schichtpläne stehen. Im Corporate Design Ihrer Apotheke. In einer Stunde gebaut, mit einer normalen Beschreibung dessen, was Sie wollen.
Was Sie diese Woche ausprobieren können
Bauen Sie nichts Großes. Bauen Sie etwas Kleines. Nehmen Sie eine Aufgabe, die in Ihrer Apotheke jeden Monat wiederkehrt und die niemand gern macht. Eine Liste, die immer wieder gepflegt werden muss. Eine Auswertung, die niemand sauber hinbekommt.
Beschreiben Sie diese Aufgabe einem Werkzeug wie Claude Code in normaler Sprache. So, wie Sie sie einer neuen Mitarbeiterin erklären würden. Lassen Sie das System einen ersten Entwurf bauen. Iterieren Sie. Sie werden überrascht sein, wie weit Sie in einer Stunde kommen.
Wichtig: Halten Sie sensible Daten zunächst raus. Arbeiten Sie mit Testdaten, mit Beispielen, mit nicht-personenbezogenen Werten. Das Werkzeug ist neu, der Datenschutz bleibt unverhandelbar.
Die strategische Konsequenz für unsere Branche
Für mich ist der Vorlesungs-Moment vor allem aus einem Grund wichtig: Er zeigt eine Verschiebung in dem, was als realistisch gilt. Vor zwei Jahren war ein digitales Apotheken-Dashboard ein IT-Projekt mit Budget, Dienstleister und Pflichtenheft. Heute ist es eine halbe Stunde Live-Demo.
Apotheken, die diese Verschiebung verstehen, haben einen Vorsprung. Nicht, weil sie das nächste Hype-Tool einsetzen. Sondern weil sie aufhören, auf den nächsten Dienstleister zu warten. Sie können kleine Werkzeuge selbst bauen, die genau zu ihrem Alltag passen. Branchenspezifisch. Sofort verfügbar. Ohne großen Budget-Aufwand.
Wer das jetzt lernt, baut sich über die nächsten Monate einen Werkzeugkasten auf, den keine externe Software ersetzen kann. Weil er Ihre Apotheke kennt. Weil Sie ihn gebaut haben.
Wollen Sie das mit Ihrem Team einüben?
Ich begleite Apotheken-Kooperationen, Industriepartner und Verbände dabei, einen praxisnahen, branchenspezifischen KI-Einsatz aufzubauen. Mit Workshop-Formaten, Strategie-Gesprächen und Keynotes.
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