KI in der Apotheke: Wie ich 72 Vortragsfolien in einem Nachmittag neu gebaut habe
KI verändert nicht nur, was wir in der Apotheke schreiben. Sondern auch, wie wir präsentieren. Eine ehrliche Geschichte über einen veralteten Foliensatz, einen Branchen-Vortrag und ein Werkzeug, das gerade meine Vorbereitung komplett umkrempelt.
Letzte Woche stand ich vor einem Problem, das vermutlich jede Apothekerin und jeder Apotheker kennt, die regelmäßig Vorträge halten. Ich hatte einen Foliensatz zum Thema „Digitale Kommunikation in der Apotheke". Den halte ich einmal im Jahr im Auftrag eines Branchenkunden. Und der Foliensatz war einfach nicht mehr aktuell.
Nicht ein bisschen veraltet. Sondern grundlegend.
Das Thema hat sich in zwölf Monaten so verändert, dass die alten Folien fast peinlich wirkten. Chatbots gehören jetzt zur Grundausstattung. KI-Agents führen erste Beratungsgespräche. Plattformen wie FRAG DIE APOTHEKE bieten eine 24/7-Beratung an, die noch vor zwei Jahren undenkbar gewesen wäre. Und nicht zuletzt die rasanten Veränderungen in der Nutzung von Künstlicher Intelligenz selbst. Was ich vor einem Jahr als „Zukunftsthemen" präsentiert hatte, ist heute gelebte Realität.
Das hieß: neuer Foliensatz. 72 Folien. Durchgehendes Design. Roter Faden.
Wie das früher gegangen wäre
Bevor ich Ihnen erzähle, wie ich das gelöst habe, kurz die ehrliche Bilanz, was so eine Überarbeitung früher gekostet hätte.
Variante A: Ein Designer übernimmt. Das bedeutet Briefing-Termin, zwei bis drei Korrekturschleifen, mindestens eine Woche Wartezeit, vierstelliger Betrag. Die Qualität ist gut, aber ich muss meinen Vortrag in fremde Hände geben und hoffe, dass der Designer pharmazeutische Inhalte versteht. Und ehrlich gesagt: So hoch ist auch das Budget der meisten Kunden nicht, dass sich dieser Schritt wirtschaftlich überhaupt lohnen würde.
Variante B: Ich mache es selbst in PowerPoint oder Keynote. Das bedeutet ein bis zwei Tage Eigenarbeit. Jede Folie einzeln gestalten, Schriftgrößen abgleichen, Konsistenz prüfen. Am Ende kommt etwas heraus, das funktioniert, aber selten richtig professionell aussieht. Wer schon einmal eine 70-Folien-Präsentation selbst gestaltet hat, kennt dieses Gefühl: Bei Folie 40 lässt die Konzentration nach, ab Folie 60 ist das Design uneinheitlich. Wer sich an seine Universitätsvorlesungen erinnert, weiß genau, wovon ich rede. Genau deshalb sahen die Folien der Professoren oft so aus, wie sie aussahen.
Variante C ist damit eigentlich noch absurder als Variante A. Eine Agentur für mehrere Tausend Euro und drei Wochen Vorlauf für einen jährlichen Branchenvortrag? Realitätsfern.
Was ich stattdessen gemacht habe
Ich habe Claude Design genutzt. Das ist ein neues Werkzeug von Anthropic, mit dem man Präsentationen, Landing Pages und andere visuelle Formate per Chat generieren kann. Statt Folien einzeln zu gestalten, beschreibe ich, was ich brauche. Die KI baut den Foliensatz, ich justiere nach.
Mein Vorgehen ist methodisch aufgebaut und hat sich in mehreren Iterationen entwickelt.
Schritt 1: Der alte Foliensatz als Ausgangsbasis
Ich habe meinen bestehenden Foliensatz an Claude Design übergeben. Das ist wichtig, denn die KI versteht damit sofort, in welcher Welt ich mich bewege. Mein Sprachstil, meine Argumentationsmuster, die typischen Beispiele aus der Offizin, die ich nutze. Das ist viel besser, als bei Null anzufangen.
Schritt 2: Neue Themen in Stichpunkten
Anschließend habe ich die neuen Themen, die in den Vortrag rein sollten, in Stichpunkten an die KI übergeben. Chatbots, Chatagents, 24/7-Beratung über FRAG DIE APOTHEKE. Keine ausformulierten Texte, einfach eine Liste mit den Inhalten, die das Update braucht.
Schritt 3: Erst die Struktur, dann die Folien
Das ist der entscheidende Schritt, den die meisten überspringen. Bevor ich auch nur eine Folie habe bauen lassen, habe ich Claude gebeten, mir eine Struktur zu erarbeiten. Wo gehören die neuen Themen in den Vortrag? Welche alten Folien fallen weg? Wo ist der rote Faden, der das Ganze trägt?
Diese Struktur habe ich in zwei Iterationen auf meine Wünsche angepasst. Was wichtig ist: Ich habe nicht einfach abgenickt, was die KI vorschlug. Ich habe gefragt, hinterfragt, verschoben, neu sortiert. Das hat vielleicht 30 Minuten gedauert, aber es war die wertvollste halbe Stunde des Projekts.
Schritt 4: Erster Entwurf
Erst dann habe ich den ersten Entwurf des Foliensatzes erstellen lassen. 72 Folien, durchgehendes Design, der besprochene rote Faden. Dieser Entwurf war zu 80 Prozent verwendbar.
Schritt 5: Iteratives Durchgehen
Dann bin ich den Foliensatz durchgegangen. Das war der Moment, in dem die KI für mich zum echten Sparringspartner wurde. Während ich die Folien geprüft habe, sind mir neue Ideen gekommen. Ich habe diese mit Claude diskutiert, Argumente abgewogen, und wenn ich überzeugt war, habe ich die neue Folie in die bestehende Struktur einbauen lassen. Ohne dass das Design oder der rote Faden gelitten hätten.
Nach einem halben Tag Arbeit war der Foliensatz fertig. Vier Stunden, in denen ich nicht gestaltet habe, sondern strategisch nachgedacht. Das ist der eigentliche Unterschied.
Was die KI gut gemacht hat
Drei Dinge haben mich besonders überrascht.
Konsistenz über alle Folien
Das ist der Punkt, an dem ich bei der manuellen Erstellung immer scheitere. Bei Folie 40 vergisst man, welche Schriftgröße man für Untertitel verwendet hat. Bei Folie 60 fängt man an, neue Farben zu mischen. Die KI hat das einmal definierte Design über alle 72 Folien gehalten. Ohne Ausnahme.
Storyline statt Folien-Sammlung
Ich hatte erwartet, dass die KI mir nur einzelne Folien zusammenklickt. Was sie tatsächlich gemacht hat, war besser. Sie hat verstanden, dass ein Vortrag eine Argumentation braucht. Hook am Anfang. Aufbau der Spannung. Beispiele, die in die Tiefe gehen. Strategische Konsequenz am Ende. Das war keine Folien-Tabelle, das war eine Geschichte.
Self-Check
Nach dem ersten Entwurf hat die KI mir nicht einfach den fertigen Foliensatz hingelegt. Sondern eine Liste mit Punkten, die ich noch prüfen sollte. „Auf Folie 23 fehlt eine konkrete Quellenangabe. Auf Folie 47 ist ein Logo-Platzhalter. Auf Folie 58 könnte das Diagramm einfacher sein." Das war kein fertiges Werkzeug, das hat sich angefühlt wie die Übergabe von einem erfahrenen Kollegen, der mir noch sagt, worauf ich beim Endcheck achten muss.
Was die KI nicht ersetzt
Damit das hier keine unkritische Empfehlung wird, auch die andere Seite. Die KI weiß nicht, wer im Publikum sitzt. Sie kann nicht einschätzen, ob die Zielgruppe eher konservativ-pharmazeutisch geprägt ist oder offen für gewagte Thesen. Diesen Kontext bringe ich rein. Die KI führt aus, was ich strategisch entscheide.
Und sie macht Fehler. Auf einer Folie war eine Zahl falsch, auf einer anderen ein Begriff verwechselt. Wer einen KI-Foliensatz ungeprüft auf die Bühne stellt, riskiert Peinlichkeiten. Die fachliche Kontrolle bleibt komplett bei mir.
Was das für unsere Branche bedeutet
Ich glaube, wir unterschätzen gerade massiv, wie viele Tätigkeiten in der Apotheke davon betroffen sind, dass KI nicht nur Texte schreibt, sondern auch visuelle Inhalte produziert.
Schulungsmaterial für PTA und PKA. Aushänge im HV-Bereich. Newsletter-Layouts. Erklär-Folien für Patientenberatungen. Pitches für Industriepartner. All das war bislang entweder teuer eingekauft oder optisch suboptimal selbstgemacht.
Das verändert sich gerade. Die Frage ist nicht mehr, ob KI bei der Folienerstellung hilft. Die Frage ist, wie Apotheken diesen Hebel strategisch nutzen.
Drei Anwendungsfelder, in denen das in der Apotheke heute schon funktioniert
1. Schulungsunterlagen für das Team
Sie wollen Ihrem Team eine neue Dienstleistung konzeptionell vorstellen. Die Folien sollen selbsterklärend zum Nachlesen sein, auch für Teammitglieder, die in der Schulung nicht anwesend sein konnten. Statt einer langweiligen PowerPoint mit Bullet-Listen entsteht in einer halben Stunde ein visuell ansprechender Foliensatz, der Lust auf das Thema macht.
2. Kundenkommunikation
Aushänge für die Offizin, Erklärgrafiken für die Beratung, kleine Infoblätter zum Mitnehmen oder die Folien für einen Kundenvortrag. Wo früher entweder Standardvorlagen oder Werbemittel von Großhandel und Industrie zum Einsatz kamen oder selbst gestaltete Materialien lieblos wirkten, entsteht jetzt etwas Eigenes, das zur Apotheke passt.
3. Stellenausschreibungen und Recruiting
Wer heute approbierte Pharmazeutinnen, Pharmazeuten, PTAs oder PKAs gewinnen will, kämpft mit dem allgegenwärtigen Fachkräftemangel in unserer Branche. Eine professionell gestaltete Karriereseite, eine Recruiting-Kampagne oder eine Präsentation für Bewerbungsgespräche können den Unterschied machen. Apotheken, die hier auf das Niveau der Industriebewerber aufschließen, werden sichtbar.
Was ich Ihnen aus dieser Erfahrung mitgebe
Wenn Sie das ausprobieren wollen, hier drei Dinge, die ich gelernt habe.
Erstens: Geben Sie der KI Ihre alten Materialien mit, falls vorhanden. Egal ob Foliensatz, Konzeptpapier, Aushang oder Schulungsunterlage. Die KI versteht damit Ihren Stil, Ihre Sprache, Ihre Argumentationsmuster. Das spart später viele Korrekturschleifen.
Zweitens: Bauen Sie erst die Struktur, dann die Folien. Das ist der wichtigste Schritt. Wer direkt einen kompletten Foliensatz erstellen lässt, bekommt eine glatte, aber oft unscharfe Präsentation. Wer zuerst die Struktur diskutiert und nachschärft, bekommt am Ende einen echten Vortrag mit rotem Faden.
Drittens: Behandeln Sie die KI wie einen Sparringspartner, nicht wie einen Auftragnehmer. Diskutieren Sie. Hinterfragen Sie. Schlagen Sie Gegenargumente vor. Genau dann entstehen die besten Folien, weil Sie als Apothekerin oder Apotheker Ihr Fachwissen einbringen und die KI Ihnen hilft, es visuell zu strukturieren.
Und ein vierter Punkt, der vielleicht der wichtigste ist: Prüfen Sie jede Folie fachlich. Eine KI, die nicht weiß, dass es ApBetrO statt ApoBetrO heißt, kann subtile Fehler einbauen, die Sie als Apothekerin oder Apotheker spätestens bei der Frage aus dem Publikum bereuen würden.
Die strategische Konsequenz
KI in der Apotheke ist 2026 längst kein Thema mehr, das nur Texte betrifft. Sie verändert auch, wie wir präsentieren, schulen, kommunizieren und verkaufen.
Wer das jetzt anfängt zu nutzen, baut sich einen Vorsprung auf, der in zwölf Monaten nicht mehr aufzuholen ist. Nicht weil die Werkzeuge dann verschwunden wären. Sondern weil die Routine im Umgang damit ein eigener Wettbewerbsvorteil wird.
Ich werde diesen Vortrag jetzt jedes Jahr neu bauen, statt ihn nur zu aktualisieren. Weil ich das jetzt kann. Und weil sich die Inhalte so schnell verändern, dass eine echte Neuerstellung in vielen Fällen besser ist als ein Update am alten Foliensatz.
Wollen Sie KI auch in Ihrer Apothekenstrategie nutzen?
Ich begleite Apotheken-Kooperationen, Industriepartner und Verbände dabei, einen praxisnahen, branchenspezifischen KI-Einsatz aufzubauen. Mit Workshop-Formaten, Strategie-Gesprächen und Keynotes.
Jetzt Erstgespräch buchen